Nicht die Menschen sind das Problem
Ehrenamt gehört zu vielen Organisationen wie Wasser zu Fischen: Es ist allgegenwärtig, lebensnotwendig - und gerade deshalb oft unsichtbar. Ob Sportverein, Wohlfahrtsverband, Bürgerinitiative, Kulturprojekt oder Kirche: Überall wird gern über Motivation, Haltung und persönliche Bereitschaft gesprochen. Doch damit ist noch nicht erklärt, warum diese Organisationen so stark auf freiwillige Mitarbeit angewiesen sind.
Freikirchen zeigen diesen Zusammenhang besonders deutlich. Sie sind nicht Beteiligungskirchen, weil sich zufällig besonders viele Menschen engagieren. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Viele Menschen müssen sich engagieren, damit sie als Beteiligungskirchen bestehen können. Freikirchen stehen damit beispielhaft für alle Organisationen, deren Auftrag, Reichweite und Identität von freiwilliger Beteiligung getragen werden. Ehrenamt ist für sie kein freundlicher Zusatz, sondern eine organisatorische Existenzbedingung. Damit verändert sich die Leitfrage. Statt ständig zu fragen, warum Menschen sich nicht mehr engagieren, wäre zu prüfen: Welche Bedingungen schaffen Organisationen, damit Verantwortung übernommen werden kann? Welche Formen von Anerkennung, Zugehörigkeit, Einfluss, Gemeinschaft und Sinn bieten sie? Ehrenamtliche arbeiten nicht für Geld - aber deshalb noch lange nicht umsonst.
Engagement verschwindet nicht - es verändert seine Form
Die verbreitete Klage vom Niedergang des Ehrenamts greift zu kurz. Der Freiwilligensurvey 2024 zeigt: Fast 40 Prozent der 14- bis 29-Jährigen engagieren sich. Von den derzeit nicht Engagierten dieser Altersgruppe können sich rund zwei Drittel ein Engagement grundsätzlich vorstellen. Das klingt nicht nach einer Generation ohne Gemeinsinn. Möglicherweise beobachten viele Organisationen ihre Freiwilligen noch mit Kategorien aus einer vergangenen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Wer dauerhafte Bindung, umfassende Verfügbarkeit und selbstverständliche Loyalität erwartet, deutet flexiblere oder zeitlich begrenzte Formen schnell als mangelnde Bereitschaft. Dann erscheint als Motivationskrise, was in Wahrheit ein Passungsproblem ist.
Die Bereitschaft, an etwas mitzuwirken, das größer ist als die eigene Person, scheint erstaunlich stabil. Verändert haben sich die Lebenslagen und Erwartungen: Zeitbudgets sind knapper, Lebensentwürfe vielfältiger, Mobilität und Unsicherheit größer. Jüngere Menschen verbinden Engagement häufiger mit persönlicher Entwicklung, Kompetenzgewinn, Selbstbestimmung und tragfähigen Beziehungen. Organisationen müssen deshalb nicht verlorenes Engagement zurückholen. Sie müssen Engagement ermöglichen, das zur Gegenwart passt.**
Hauptamtliche Leitung muss andere wirksam machen
Ausgerechnet diejenigen, die selbst hauptamtlich tätig sind, prägen maßgeblich die Zukunft des Ehrenamts. Geschäftsführungen, Vorstände, Koordinationsstellen oder - wie in Freikirchen - Pastorinnen und Pastoren entscheiden durch ihr Leitungsverständnis mit darüber, ob freiwillige Mitarbeit zu echter Beteiligung wird oder auf die Ausführung zugeteilter Aufgaben beschränkt bleibt. Der Erfolg hauptamtlicher Leitung zeigt sich deshalb nicht zuerst in der eigenen Sichtbarkeit oder Wirksamkeit. Er zeigt sich darin, dass andere handeln, Verantwortung übernehmen und gestalten können. Gute Leitung produziert nicht möglichst viele eigene Lösungen. Sie schafft Orientierung, klärt Rollen, ermöglicht Entscheidungen und sorgt dafür, dass Konflikte bearbeitet werden können. Pointiert gesagt: Führungskräfte führen nicht Menschen, sondern Systeme. Erwachsene Menschen müssen nicht zu Objekten hauptamtlicher Steuerung gemacht werden. Führung gestaltet vielmehr die Bedingungen, unter denen sie wirksam werden können. Ehrenamtliche sind damit keine Adressaten von Führung, sondern Mitgestalter der Führungsfunktion einer Organisation.
Nicht Augenhöhe, sondern geklärte Abhängigkeit
Für das Verhältnis von Haupt- und Ehrenamt wird gern das Bild der Augenhöhe bemüht. Es klingt sympathisch, verdeckt aber leicht die tatsächlichen Unterschiede. Gleiche Würde bedeutet nicht gleiche Aufgabe, gleiche Verantwortung oder gleiche Position. Produktive Zusammenarbeit entsteht nicht dadurch, dass Unterschiede kleingeredet werden. Treffender ist der Begriff der Interdependenz: Haupt- und Ehrenamt sind verschieden und zugleich aufeinander angewiesen. Hauptamtliche bringen Ausbildung, Zeit, institutionelles Wissen, Netzwerke und formale Entscheidungsmöglichkeiten ein. Ehrenamtliche verfügen über lokale Beziehungen, Vertrauen, praktische Erfahrung, besondere Kompetenzen - und über die Freiheit, ihre Mitarbeit jederzeit zu verweigern. Gerade deshalb braucht Zusammenarbeit klare Rollen. Wer entscheidet? Wer trägt Verantwortung? Wer informiert, wer unterstützt, wer darf widersprechen? Solange solche Erwartungen unausgesprochen übereinstimmen, fällt ihre Unklarheit kaum auf. Sobald sie auseinandergehen, entstehen Enttäuschung, Überforderung und Konflikte. Rollenklärung grenzt Menschen nicht voneinander ab; sie macht Kooperation erst möglich.
Macht ist kein Betriebsunfall
Wo Menschen voneinander abhängig sind, entsteht Macht. Sie ist weder moralisch gut noch schlecht, sondern eine normale Eigenschaft sozialer Beziehungen. Macht liegt nicht nur in Ämtern. Sie entsteht überall dort, wo jemand über Ressourcen, Informationen oder Handlungsmöglichkeiten verfügt, die andere benötigen, aber nicht kontrollieren können. Auch die Entscheidung, sich nicht zu engagieren, ist daher mehr als ein Motivationsdefizit. Sie kann Ausdruck eines realen Machtpotenzials sein. Umgekehrt bleiben Ehrenamtliche auf Ressourcen der Hauptamtlichen und der Organisation angewiesen. Keine Seite kann ihre Ziele dauerhaft allein erreichen. Ein reflektierter Umgang mit Macht fragt deshalb nicht, wie sie beseitigt werden kann, sondern wie unterschiedliche Ressourcen transparent und verantwortlich für die gemeinsame Aufgabe verbunden werden.
Wofür Ehrenamt heute eine Lösung sein kann
Ehrenamt erfüllt nicht nur für die Organisation eine Funktion, sondern auch für die Menschen. Für die Kriegsgeneration konnten Gemeinden, Vereine und andere Gemeinschaften Zugehörigkeit, Orientierung und soziale Sicherheit geben. Für nachfolgende Generationen standen Mitgestaltung, Verantwortung und Selbstwirksamkeit stärker im Vordergrund. Heute gewinnen persönliche Entwicklung, Netzwerke, Kompetenzerwerb und die Verbindung mit dem eigenen Lebensentwurf an Gewicht. Das Grundbedürfnis bleibt: Menschen wollen dazugehören, Anerkennung erfahren und gemeinsam etwas bewirken, das über sie selbst hinausweist. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob Menschen sich engagieren wollen. Sie lautet: Welche Form des Engagements ermöglicht ihnen heute Sinn, Zugehörigkeit und Wirksamkeit?
Damit fällt die Verantwortung zurück an die Organisation. Wer das Ehrenamt stärken will, darf nicht bei Appellen stehen bleiben. Organisationen müssen ihre eigenen Erwartungen prüfen, Beteiligung tatsächlich zulassen, Rollen klären, Macht besprechbar machen und Führung als Ermöglichung verstehen. Die Zukunft des Ehrenamts entscheidet sich nicht allein an der Bereitschaft der Freiwilligen - sondern an der Bereitschaft der Organisation, sich zu verändern.