
ICH SITZE AM NECKAR. EIN SEHR WARMER SOMMERABEND. DAS WASSER FLIEßT TRÄGE DAHIN.
Am gegenüberliegenden Flussufer erscheint ein älterer Mann. Er füllt mehrere Eimer mit Flusswasser und schleppt jeweils zwei Eimer gleichzeitig mühsam zu einer Mauer. Geht zurück. Holt die nächsten. Und die nächsten. Dann verschwindet er.
Ich beobachte. Und mein Kopf macht sofort, was Köpfe eben machen: Er unterscheidet und erzählt sich eine Geschichte. Was macht der denn? Der schleppt bei dieser Hitze Eimer für Eimer Wasser aus dem Neckar! Der muss verrückt sein! Dachte ich jedenfalls.
Fünf Minuten später die Auflösung. Der Mann steht oben auf der Mauer. Er lässt eine Schnur herunter und zieht Eimer für Eimer nach oben. Hinter der hohen Mauer liegt sein Garten. Ich musste lachen. Nicht über ihn. Über mich. Weil ich innerhalb weniger Sekunden eine Geschichte über einen Menschen erfunden hatte. Und sie komplett falsch war.
Genau darin liegt für mich eine wichtige Einsicht systemischen Denkens: Verhalten wird erst verständlich, wenn wir den Kontext erkennen, in dem es zur Lösung eines Problems wird. Die inneren Beweggründe dieses Mannes kenne ich nicht. Vielleicht war es Sparsamkeit. Vielleicht Gewohnheit. Vielleicht einfach Freude an körperlicher Arbeit. Ich weiß es nicht. Deshalb interessiert mich heute weniger, warum jemand etwas tut. Beobachten kann ich etwas anderes: Auf welches Bezugsproblem sich sein Verhalten beziehen lässt. Und welche anderen Lösungen ebenfalls denkbar gewesen wären. Das führt mich zu Niklas Luhmanns funktionaler Sichtweise.
Das Bezugsproblem, auf das ich sein Vorgehen nun beziehen konnte, lautete offenbar nicht: Wie schöpfe ich Wasser aus dem Neckar? Sondern: Wie bekomme ich Wasser fünf Meter nach oben in meinen Garten? Dafür hätte es viele andere Lösungen gegeben. Eine Pumpe. Einen Schlauch am Wassernetz. Eine Zisterne. Er hatte sich für Eimer und Schnur entschieden. Nicht die einzige denkbare Lösung. Aber offensichtlich eine funktionierende.
Genau an dieser Stelle hilft mir BiQ – Beobachtung im Quadrat, meine Beobachtung weiter auszudifferenzieren. Dadurch entstehen bessere Fragen, statt vorschnelle Geschichten und Urteile.
- Person: Was kann ich tatsächlich beobachten – und was ergänze ich nur in meiner eigenen Konstruktion?
- Zusammenarbeit: Welche Rolle spielen andere Menschen bei diesem Vorhaben und was weiß ich darüber tatsächlich?
- Aufgabe: Wie hat er den Ablauf organisiert, damit das Wasser zuverlässig fünf Meter nach oben gelangt?
- System: Welche Rahmenbedingungen machen dieses Vorgehen plausibel? Wasserpreise, technische Möglichkeiten, Gewohnheiten oder örtliche Regeln?
Der ältere Mann hatte sich in den letzten zehn Minuten nicht verändert. Verändert hatte sich nur meine Beobachtung. Wann hast du zuletzt gemerkt, dass deine erste Geschichte über einen Menschen völlig danebenlag?